Happy birthday, Dauerwelle!
Oktober 6, 2006
Gefunden unter Dauerwelle, Friseurbedarf, Wella
Mozart, Heine, Schumann und Brecht – alle werden dieses Jahr gefeiert. Darüber sollte aber ein weiteres Jubiläum, nicht vergessen werden: der 100. Geburtstag der Dauerwelle am 8. Oktober 1906. Die Geburtsstunde der Dauerwelle ist im wahrsten Sinne des Wortes eine “heiße Geschichte”!
Die Erfindung der Ondulation durch Marcel war ein Vorläufer. Auch hier wurde mit Hilfe von Hitze Haar gewellt, und das schon relativ dauerhaft. Einen gravierenden Nachteil hatten Marcels Wellen allerdings: Ihre Unbeständigkeit gegen Feuchtigkeit ließ manchen Fachmann und manche Kundin verzweifeln. Dabei konnte man Haare bereits seit Jahrzehnten haltbar krausen – allerdings nur totes, abgeschnittenes Haar. Warum sollte das nicht auch am lebenden Haar möglich sein? Eine Idee, die Karl Nessler, einen Friseur aus Todtnau im Schwarzwald nicht ruhen ließ und die seiner damaligen Freundin und späteren Frau Katharina einige Brandblasen und versengte Haare auf dem Kopf einbrachte. Aber ihr “Opfer” lohnte sich, wenn auch nicht sofort. Karl Nessler, der mittlerweile in London lebte und arbeitete und dort seinen Namen (auf den Rat seiner Frau) von Nessler in Nestle änderte, machte zunächst mit einer anderen Erfindung Kasse – mit künstlichen Wimpern. Mit einer selbst gebauten Vorrichtung war es ihm 1904 gelungen, Augenwimpern so täuschend echt herzustellen, dass sie nach Deutschland, Frankreich und sogar bis nach Argentinien verkauft wurden. Trotzdem verlor er sein eigentliches Ziel nie aus den Augen.
Am Anfang waren fünf Wickler
Als es langsam aufwärts ging, konnte er sich neben seiner normalen Friseurtätigkeit auch “Modelle” leisten, und am 8. Oktober 1906 war es dann so weit. An diesem Tag wagte sich Nessler zum ersten Mal mit seiner Erfindung an die Öffentlichkeit. Mit mehreren Anzeigen in Fachzeitschriften in England und speziell in Deutschland lud er die “Leading Hairdressers” für diesen Tag zu einer Demonstration in die Oxford Street ein, um sein neues Verfahren zu besichtigen. Die erste Dauerwelle bestand nur aus fünf Wicklern. Nessler teilte fünf Strähnen des Haares seines Modells ab, band jede von ihnen dicht an der Kopfhaut ab, benetzte sie mit einer geheimnisvollen Flüssigkeit (wahrscheinlich Borax) und wickelte sie spiralförmig auf Metallstäbe. Darüber setzte er seine aufgeheizten, selbst konstruierten Zangen und erhitzte so die Haare und die Metallstäbe. Obwohl die Wellung gelang, wurde die Vorführung zu einem Misserfolg. Der Grund dafür war wahrscheinlich weniger der Unwille der Fachwelt, die Methode als neu zu erkennen, als vielmehr deren Angst vor dem Verlust der Dauerkundschaft.
In England Top in Deutschland Flop
In der Londoner Damenwelt verbreitete sich indes die Kunde von Nesslers Erfindung rasch, und er hatte regen Zulauf. Immer wieder verbesserte er sein System. Und im Jahre 1908 war es endlich so weit: Nessler erhielt auf seine Erfindung der Dauerwelle nicht nur einen internationalen Patentschutz, sondern es gab durch die zunehmende Verbreitung der Elektrizität auch eine wesentliche Vereinfachung; das Verfahren wurde von feuerbeheizten Zangen auf elektrische Heizer umgestellt. Die Dauerwelle hatte ihren Durchbruch geschafft. Nessler machte in großem Stil Reklame, und die Zahl der Londoner Damen, die sich die teuren Dauerwellen leisteten, stieg langsam, aber stetig. Nessler wollte aber auch seinen deutschen Kollegen helfen, Geld zu verdienen. Im Jahre 1909 führte er seine Dauerwellen in Berlin vor – und fiel durch. Warum er in Deutschland auf so wenig Akzeptanz stieß, ist ein Rätsel. Nessler selbst floh aus englischer Internierung nach Amerika, wo die Dauerwelle ihren ungeahnten Siegeszug begann. So kommt es, dass man in manchen alten Fachbüchern noch die Aussage findet, die Dauerwelle sei eine amerikanische Erfindung. Das stimmt aber weder für die Heißwelle noch für die spätere Kaltwelle. In Europa begann ihr Aufstieg erst in den so genannten “Goldenen Zwanzigern”. (Alfred Horst)
Anmerkung zum Bild: Ein Wella-Heißwellapparat aus den 30er Jahren: Er stellte bereits eine Revolution auf dem Dauerwellmarkt dar. Die Dauerwelle wurde so für die breite Masse erschwinglich.
Quelle: Friseurportal.de